Offtopic - Rassismus im Familien- und Bekanntenkreis

  • Ein jeder von euch kennt das bestimmt und hat das auch schon selbst erlebt.

    Man sitzt mit der Familie oder mit Freunden zusammen und feiert z.B einen Geburtstag. Alle sind glücklich und ausgelassen und dann fängt einer an. Fängt an, mit gemeinen und haltlosen Kommentaren über Flüchtlinge und Ausländer. Alle werden still außer dieser eine Mensch. Er wird lauter und redet immer mehr. Man bittet höflich darum das dieser Mensch doch bitte damit aufhören soll. Das es nicht richtig ist, dass man das nicht hören will. Die vernünftigen Einwände stoßen auf taube Ohren. Dieser Mensch redet einfach weiter und wird bei jedem vernünftigen Einwand immer aggressiver. Und die Aussage kommt: Das ist meine Meinung und ich lass mir doch nicht den Mund verbieten.


    Wie geht ihr mit solchen Situationen um?



    Mich persönlich machen solche Aussagen unglaublich wütend. Ich versuche solche Themen nie anzufangen! Aber wenn jemand damit anfängt kann ich nicht weghören. Ich ertrage diese Dummheit einfach nicht! Und es ärgert mich tierisch das ich in meiner Familie immer die Einzige bin die dagegen was sagt. Immer bin ich die unhöfliche nur weil ich deren Kommentare widerlege. Meine Mutter sagt ich soll auf solche Kommentare nicht reagieren und sie ignorieren, aber ist das der richtige Weg? Wegsehen und den Mund halten? Ich glaube nicht. Wenn wir das tun würden hätten wir bald Nazi Deutschland 2.0! Manchmal fühle ich mich ohnmächtig und verzweifelt, weil ich einfach nicht mehr weiter weiß. Ich denke, meine Familie ist doch nicht dumm. Sie haben doch alles. Arbeit, Haus, Pool Garten usw. Und denn noch sind sie neidisch und haben Angst das die Flüchtlinge ihnen was wegnehmen könnten. Ich weis einfach nicht mehr weiter. Ich finde es einfach extrem schlimm, wie Menschenfeindlich manche Menschen sind, besonders wenn es ein Onkel eine Tante oder mein Opa ist. Ich weiß mittlerweile nicht mehr wie ich richtig darauf reagieren soll oder damit umgehen soll.

  • Hallo Lucyra, das ist echt ein schwieriges Thema. Ich find's klasse, dass du den Mund aufmachst, ich sehe es genau wie du, das Schweigen räumt solchen Menschen viel zu viel Raum ein. Aber ich weiß auch, wie schwierig und frustrierend es ist, weil Argumente oder Fakten oft nicht gehört werden wollen - sonst müsste man ja zugeben, dass man falsch lag.


    Ich habe zum Glück in meinem Umkreis niemanden, der so einen Müll daher redet, zumindest nicht zum Thema Flüchtlinge/Rassismus/Ausländerfeindlichkeit. Daher kann ich leider keine konkreten Tips geben. Kannst du denn in solchen Situation deine anderen Familienmitglieder direkt ansprechen, was sie denken? Oder ob sie der Meinung zustimmen?


    Hier in der Großstadt gibt es Initiativen und Gruppen, die den Umgang mit solchen Menschen und die Gesprächsführung "schulen" oder Menschen unterstützen, die sich engagieren wollen. Gibt es sowas auch in deiner Nähe? Sich da Unterstützung zu holen würde vielleicht helfen, dass du dich nicht so ohnmächtig fühlst.

  • Kannst du denn in solchen Situation deine anderen Familienmitglieder direkt ansprechen, was sie denken? Oder ob sie der Meinung zustimmen?

    Würde ich das tun, dann würde es ganz groß los gehen :( Fast meine ganze Familie denkt so. Die einzigen Ausnahmen sind meine Ma, meine Oma, meine Großcousine und ich. Meine Familie fängt dieses Thema schon gar nicht mehr an so lange ich in der Nähe bin. Weil sie wissen wie es dann endet.


    Gestern hat meine Ma ihren Geburtstag mit Freunden der Familie gefeiert und ich war halt auch eingeladen. Ich wünschte mir ich wäre nicht hingegangen. Eine Freundin meiner Mutter die ich schon immer sehr gerne mochte fing erst an gegen den Mundschutz zu hetzten und dann gegen die Flüchtlinge und das sehr schlimm. Keiner hat was dazu gesagt nur ich wieder. Mein Kommentar war nur: "Dann geh mal ohne Mundschutz auf den Weihnachtsmarkt, dann löst sich das Problem von ganz alleine, wenn wir Glück haben." Ich konnte es mir einfach nicht verkneifen :blush: Danach hat sie noch schlimmer rumgekeift und gesagt, ich hätte doch keine Ahnung und ich werde bald selber so denken. Darauf war mein Kommentar nur: "Wenn ich jemals so denke wie du, erschieß ich mich." Oh danach wurde sie noch böser und da hat selbst meine Mutter gesagt sie soll endlich still sein :(. Heute meinte sie auch sie wäre total enttäuscht von ihrer Freundin und sie würde die wohl nie mehr einladen.


    Ich muss dazusagen ich wohne hier im tiefsten Mecklenburg. Ne halbe Stunde von Schwerin und ich hab auch noch Verwandtschaft im tiefsten Sachsen. Ich denk mal das sagt schon vieles. Ich bin mit Rechten aufgewachsen, aber je älter ich wurde so mehr hab ich mich von den distanziert. Irgendwann konnte ich es einfach nicht mehr hören und bin total ausgerastet als Teenager bei ner Familienfeier :blush: Oh Oh ich konnte mir Monate danach noch das Gemeckere anhören. Von Freunden und Bekannten die so eine Haltung haben, habe ich mich schon lange abgewendet, aber das schaff ich nicht bei meiner Familie. Es ist egal wie Scheiße sie manchmal sind, sie sind halt immer noch Familie.


    Quote

    Gibt es sowas auch in deiner Nähe?

    Ich hab davon noch nichts gehört. Ich bin ja noch nicht so lange wieder in der Heimat. Ich bin ja erst Ende letzten Jahres wieder hergezogen. Vielleicht in Schwerin, wenn denn. Da müsste ich mal gucken :denk: Wäre jedenfalls ganz interessant. Ich denke mal das viele hier das gleiche Problem mit ihrer Verwandtschaft haben werden. Danke dir Norn ^^

  • Klar, die eigene Familie will man ja auch gar nicht "abstreifen". Ich glaube, das wichtigste bei solchen Begegnungen ist, Ruhe zu bewahren. Leichter gesagt als getan! Auf dem Land, wo die Leute eher unter sich sind und es wenig Buntes gibt, ist es natürlich auch viel schwieriger als in der Stadt.


    Hier sind mal ein paar Artikel, in denen z.T. weiterführende Links enthalten sind. Google einfach mal, ich drücke die Daumen, dass du was findest, was dir weiterhilft.

    https://www.br.de/puls/themen/…chtsradikalismus-100.html

    https://www.rosalux.de/publikation/id/37599/haltung-zeigen

    https://de.wikipedia.org/wiki/…xtremismus_in_Deutschland

  • Danke für die Links Norn. Besonders der 2te mit der Broschüre ist hilfreich.


    Ich hab jetzt gegoogelt. In Schwerin gibt es viele Gruppen und Vereine die sich gegen Rechts stark machen. aber leider keine die dich im Gespräch schult. Dafür habe ich mehrere Broschüren gefunden wo viele Tipps drin stehen und wie man gängige Vorurteile und die typischen Sprüche vernünftig entkräften kann.

  • Klar gibt es in der Stadt auch Rassismus, den findet man überall. Aber man trifft eher auf Gleichgesinnte oder eben auf Initiativen, die sich gegen Fremdenhass und Rassismus richten. Das meinte ich damit, dass es in der Stadt leichter ist.

  • In der Großstadt ist es auch etwas leichter, weil es da bunter ist. Die Menschen werden mit verschiedenen Lebensarten konfrontiert. Hier eher nicht so. Wir haben hier wenig Menschen Vielfalt.


    Gerade hatte ich ein Gespräch mit meinem Vater. Ich hatte mich mit meiner Mutter über den neuen Film Mignonnes unterhalten. Über die Sexualisierung von Frauen und wie sich das heute noch auf Kinder auswirkt und wie schwer es doch ist, sich aus diesen Stigma zu befreien. Meine Eltern sind ja in der typischen Frau Mann Einteilung. Meine Mutter hat sich immer über mein Vater beschwert das er nie was im Haushalt macht. Sie sah nicht das sie ihn selber stigmatisiert. Wenn es was im Haus oder Garten zum Bauen gab, weil sie mal wieder was bei Printest gesehen hatte, hieß es immer: Das muss dein Vater bauen. Ich hatte ihre schon öfters gesagt, das könnte sie doch selber. Es gibt doch genügend Videos mit Anleitungen. Da meinte sie immer, dafür sind doch die Männer da. Ihr seht was ich meine.


    Darauf folgte eine friedliche Diskussion. Meine Vater kam dann irgendwie auf Ausländer und Flüchtlinge. Er merkt gar nicht das er diskriminierend und rassistisch ist. Seine Äußerungen sind auch eher Unterschwellig und versteckt. Nicht wirklich direkt. Also keine typischen Äußerungen.

    Irgendwann fragte ich ihn: Hat jedes Kind ein Recht auf ein sicheres Heim? Er meinte nur darauf könnte man nicht antworten. Ich stellte ihm immer wieder diese eine Frage und er flüchtete sich immer in anderen Aussagen. Eigentlich hat er für mich schon die Frage indirekt beantwortete, aber er gesteht sich seine eigene Antwort nicht ein. Er meinte immer die Kinder werden auch Erwachsene. Er fragte mich was würde ich tun, wenn ich in einer Gruppe wäre mit Erwachsenen, einer Frau und einem Kind. Wen würde ich zum beschützen auswählen? Typischerweise würde man sagen, das Kind natürlich. Weil es von der Gesellschaft so erwartet wird. Ich sagte es kommt drauf an, wäre ich ein Mann würde ich die Frau wählen und nicht das Kind. Ich hab es versucht logisch zu betrachten und nicht nach dem Gefühl zu gehen. Logisch wäre es die Frau zu wählen, denn die könnte neue Kinder bekommen. Ein Kind wäre Ballast (ich weis das klingt gemein) Und so betrachtet er das auch alles. Er sieht die Kinder nicht als Kinder sondern aus zukünftige Erwachsene. Er meint man kann nicht alle ernähren, weil wir irgendwann zu viele sind. Und damit hat er Recht. Er spricht da nicht von Deutschland sondern von der Welt. Irgendwann sind wir zu viele Menschen auf der Welt (laut Welt Hunger Hilfe)

    Aber meine Frage hat er trotzdem nicht direkt beantwortet. Er flüchtet sich zu anderen Themen und versucht Abzulenken. Er lacht zwischendurch auch viel. Lachen ist ja eine Selbstschutz- und Abwehrreaktion.


    Jedenfalls hat er durch alle Aussagen und Ablenkungen meine Fragte indirekt beantwortet ohne es sich selbst bewusst zu sein. Nein, kein Mensch hat ein Recht auf ein sicheres Heim! Auch nicht auf Wasser und Nahrung! Seiner Meinung nach, muss man sich das Recht erarbeiten und verdienen. Ihm klar zu machen, das Kinder das nicht können, nimmt er gar nicht wahr.

  • Wir versuchen, bei "gewissen" Personen auch, das Thema zu vermeiden. So extrem ist es zum Glück bei uns nicht, es gibt da eher mal so Sticheleien, bei denen der Großtel der Sippe, genau wie wir, nur mit den Augen rollt...

    Wenn man aber, so wie du, Lucyra, mit deiner Mutter, Oma und Tante alleine gegen alle steht - das muss wirklich schwer sein, vielleicht sind da wirklich die Links von Norn hilfreich. Oder ihr geht gemeinsam mit gutem Beispiel voran, indem ihr euch irgendwo engagiert. Das hatten mein Mann und ich früher getan, und alle hatten es damals respektiert. Wir bekamen auch viel Bestätigung von anderen, und erstaunlicherweise sind wir seit dem auch bei den etwas ausländerskeptischen Familienangehörigen gut anerkannt und werden respektiert.

  • Hallo Lucyra,


    ein schwieriges, aber nicht unwichtiges Thema. Und ich musste lange darüber nachdenken, bevor ich hier zu einer Antwort ansetze.


    Ich selbst bin "quasi" Einwandererkind (die Leerzeichen deshalb, weil man es mir nicht ansieht und ich es daher im Alltag vieeeel leichter habe als andere Einwanderkinder) und bin im Ruhrgebiet aufgewachsen - dem Schmelztiegel verschiedener Kulturen schlechthin.

    Dass Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder generell Berührungsängste mit anderen Menschen unterschiedlichster Herkunft auf dem Land größer sind als in der Stadt würde ich so pauschal meiner Erfahrung nach nicht behaupten. Die Medaille hat da immer zwei Seiten. Ich wohne mittlerweile in München und bin dort viel im ländlichen Umland unterwegs. Dort sind die Menschen nicht unbedingt politisch korrekt, wenn es zum Beispiel um Sprache geht, aber nicht zwingend ausgrenzend oder ablehnend, wohingegen ich zum Beispiel im Ruhrgebiet durchaus auch rassistische Kommentare mit einer klaren feindlichen Grundhaltung erlebt habe. Mit meiner subjektiven Beobachtung will ich Deinem Kommentar nicht wiedersprechen, aber ich finde dass Städte nicht die Medaille verdient haben, dass sie kultivierter, offener und fremdenfreundlicher seien, nur weil dort viele verschiedene Kulturen dicht gedrängt aufeinander treffen. Städter sind da nicht automatisch besser als Landeier.


    Ich persönlich habe den Eindruck gewonnen, dass die Akzeptanz anderer Menschen aus verschiedenen Kulturen viel mit den eigenen Chancen und Möglichkeiten zu tun hat. Wenn wirtschaftlicher und sozialer Druck sehr hoch und die eigenen Perspektiven und Chancen als sehr gering eingeschätzt werden, ist die Bereitschaft zur Empathie mit anderen Menschen, die man nicht zur eigenen Gruppe zählt, ebenfalls eher gering.

    Im Ruhrgebiet, wo zum Beispiel Arbeitsplätze eher knapp sind, hat jeder gegen jeden schneller etwas Schlechtes und Abwertendes zu sagen. Das betrifft sogar Einwandererfamilien selbst. Jene, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben, meckern plötzlich selbst gegen Flüchtlinge und so weiter.

    Im bayerischen Oberland, wo ziemlich viele wirtschaftlich gut aufgestellt ist hört man zwar hin und wieder Begriffe, die definitv verboten gehören, aber es ist dennoch einfacher bei ihnen Empathie für andere zu wecken.


    Dieser von mir genannte Aspekt ist allerdings nur einer der vielen Hintergründe für Rassismus, den ich hier mal ergänzen wollte.


    Wie geht ihr mit solchen Situationen um?

    Das hängt ganz davon ab, welchen Grund ich für so eine Aussage ausmache.

    1. Wenn ich den Eindruck habe, hinter solchen Aussagen steckt "nur" braunes Gedankengut, weil der Sprecher grundsätzlich eher mit einem autoritären, faschistischen und rassistischen Führungsstil liebäugelt, ist dagegen, wie ich finde, nur schwer anzureden. Da reduziere ich meine Reaktion auf's Lächerlich machen und reagiere sehr schnippisch. Da ich in meiner Familie sowohl Mitläufer als auch Mittäter des NS-Regimes habe, aber auch jüdische Vorfahren, bin ich bei dem Thema sehr kompromisslos. Ich muss aber gestehen, dass ich in meiner Familie oder Schwiegerfamilie mit so einer Haltung gar nicht konfrontiert werde - zum Glück. Und daher habe ich auch keine Erfahrungen, wie ich damit dann konkret umgehen würde.
    2. Wenn ich den Eindruck habe, hinter solchen Aussagen steckt reine Unerfahrenheit und Unkenntnis und es werden stumpf Voruteile wiedergegeben, versuche ich die Vorurteile durch Beispiele zu entkräften und ad absurdum zu führen. Außerdem versuche ich durch konkrete Beispiele Empathie zu wecken.
    3. Wenn ich den Eindruck habe, hinter solchen Aussagen steckt eine eigene, starke Unzufriedenheit ist das wieder etwas schwieriger. Denn Menschen, die selbst von Hoffnungslosigkeit geplagt sind, sei es wirtschaftlicher oder sozialer Natur, haben oftmals wenig Ressourcen und den Willen, Empathie für andere empfinden zu können. So nach dem Motto: Was juckt mich, wie es meinem Nachbarn geht, wenn ich doch selbst Probleme habe? Wenn dieser "Nachbar" dann auch noch irgendjemand ist, der irgendwo in Deutschland oder der Welt lebt und den man nicht konkret kennt, ist es noch schwieriger die Bereitschaft aufzubringen, Empathie zu empfinden. Man stumpft quasi ab.


    Oft habe ich aus den letzteren zwei Gründen mit Rassismus und Ablehnung zu tun. Bei Nummer 2 habe ich den Eindruck ist es am Einfachsten mit dem Sprecher solcher Aussagen zu kommunizieren. Bei Nummer 3 ist es schon schwieriger. Da fallen schnell mal Aussagen, wie "Die Ausländer kriegen hier vom Staat alles und unser einer muss sehen wie er klar kommt" oder Ähnliches, gerne gemischt mit allerlei kruden Vorurteilen. Da versuche ich generell zu vermitteln, dass man bestimmte Zusammenhänge nicht ziehen darf und dann wird es oft generell politisch und plötzlich wendet sich das Thema zu politischen Themen, wie den Arbeitschancen, Infrastruktur, Bildung und dem Sozialstaat generell. Die eigentliche große Unzufriedenheit liegt eigentlich woanders und nicht bei Ausländern, Flüchtlichen oder Menschen anderer Herkunft. Bei Nummer 2 und Nummer 3 bleibe ich wenn möglich (auch wenn es zumal sehr schwer ist) ruhig und sachlich.


    Allerdings ist es gar nicht so einfach herauszufiltern, ob jemand so etwas sagt, weil er fürchtet selbst zu kurz zu kommen oder Vorurteile aus Unkenntnis hat oder ob da wie bei Nummer 1 tatsächlich braunes Gedankengut hinter steckt und der Sprecher sich einfach aller bekannten Muster bedient, weil sie so schön in sein rassistisches, faschistisches Weltbild passen.


    Hinter vielem steckt auch Bequemlichkeit. Wenn man selbst ins gesellschaftliche Bild passt, lebt man in Deutschland einen sehr bequemen Alltag. Sich aktiv in andere Mitbürger hineinzuversetzen ist immer mit Anstrengung verbunden, die man selbst nicht unbedingt als Notwendig empfindet. Klar, man hat ja selbst keine konkreten Alltagserfahrungen, die ein Umdenken als notwendig erscheinen lassen.


    Betrifft natürlich nicht nur Rassismus, sondern auch wie wir geschlechtspezifische Stereotypen wahrnehmen.

    Das muss dein Vater bauen.

    Hier musste ich doch herzlich lachen! Klar, können auch Frauen handwerklich sein. Ich kenne viele Frauen mit Handwerksgeschick und betätige mich selbst handwerklich. Meine Familie besteht aus lauter Power-Frauen, die das Motto "Selbst ist die Frau" auf die Stirn tättowiert zu haben scheinen. Dennoch könnte der Spruch auch von meiner Mama kommen. Nämlich dann, wenn sie keinen Bock hat, nach dem Motto "Sei schlau, stell dich dumm!" ^^

    Ist aus empanzipatorischer Sicht jetzt sicherlich keine Glanzleistung, aber in Partnerschaften herrscht nochmal eine ganz andere Dynamik, die zwar vom gesellschaftlichen Zeitgeist beeinflusst wird, aber dennoch gleichzeitig kein automatischer Spiegel der Gesellschaft sein müssen. In Partnerschaften prägt nicht nur der gesellschaftliche Zeitgeist dem Umgang miteinander und die Rollenverteilung sondern auch noch viele andere, individuelle Faktoren.

    Zum Beispiel fährt meine Mutter kein Auto, da sie einfach Angst vorm Autofahren hat, Roller hingegen schon. Ihr zum Beispiel ein Rollenklischee vorzuwerfen, weil mein Vater stets der Mann hinterm Steuer ist, wäre schlicht falsch.

    Anstatt die partnerschaftlichen Mechanismen zu durchleuchten, finde ich es viel spannender, was an die Kinder weitergegeben wird. Wird da vermittelt, dass ihnen je nach Geschlechtsidentität alle Möglichkeiten offen stehen oder werden da bestimmte Muster aufgedrängt und kommuniziert? So nach dem Motto: Das macht man einfach als Mädchen/ Junge (nicht)!

    Natürlich werden bestimmte Verhaltensmuster auf kommende Generationen weitergegeben, aber es macht einen Unterschied ob kommuniziert wird, dass ein bestimmtes Verhalten als gesellschaftliche Norm angesehen wird oder persönliche Gründe vorliegen.

    Wie eben bei dem Beispiel mit dem Auto fahren. Fährt meine Mama kein Auto, da sie es als gesellschaftliche Norm ansieht, dass ja meist Männer hinterm Steuer sitzen? Nein. Ihr Verhalten deckt sich zwar statistisch mit dem Klischee, dass mehr Männer Fahrzeuge zulassen und Auto fahren als Frauen, hat aber einen ganz anderen Hintergrund, weswegen ich mir das Verhalten als Frau auch nicht zum Vorbild nehmen konnte, denn ich fahre Auto.


    Um bestimmte Aussagen oder Verhaltensmuster hinterfragen und evtl. aufbrechen zu können, lohnt der interessierte Blick hinter die Kulissen, was denn Ursache dafür ist.