Abschied von Benny


Liebes Tagebuch,


Forgotten Hollow konnte mich nicht lange halten. Irgendwie interessierte mich der Ort doch nicht so sehr und ein bisschen mulmig war mir auch, weil ich dort die Kerzen stibitzt hatte. Jedenfalls brauchte ich heute morgen unbedingt eine Dusche und hab schnell mein Zeug zusammen gepackt.

Es gibt in Newcrest einen Gemeinschafts-Pool, den ich das erste mal besucht habe. Es ist nichts Besonderes, ein großes Becken und ein paar Liegestühle, aber die Benutzung ist gratis! Obwohl das Wetter am Morgen immer noch trüb und kalt war wagte ich einen Sprung vom Turm in den Pool. Nachdem ich ein paar Runden geschwommen war, war ich dann aber sehr froh, dass ich heiß duschen konnte, um mich etwas aufzuwärmen.



Während ich mich noch anzog, hob auf dem benachbarten Grundstück, einem Park ein lautes Gezeter an. Schon von weitem sah ich die schwarze Rauchwolke, die der Sensenmann vor sich her wölbte. Eilig streifte ich meinen Pullover über und rannte zu dem Menschenauflauf.

Der Sensenmann war noch mit dem Lesen irgendwelcher Daten beschäftigt und hatte die Sense noch nicht geschwungen. Umso näher ich kam, desto langsamer wurde ich, denn ich erkannte plötzlich die schweren Gummistiefel, die grünen Handschuhe und den Gärtnerhut. Es war Benny, der hier am Boden lag.



Und wieder fiel ich vor dem Sensenmann auf die Knie und bat um eine Verlängerung von Bennys Lebenszeit. Wir hatten ja kaum Gelegenheit miteinander zu sprechen und ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht versucht hatte ihm zu helfen. Aber war so schnell wieder verschwunden und ich wusste nicht, wo ich ihn suchen sollte.

In San Myshuno hatte ich die Augen nach ihm offen gehalten, aber offenbar war sein Unterschlupf irgendwo anders. Wahrscheinlich irgendwo in der Nähe der Parks in denen er ja auch arbeitete. Sollte es jetzt wirklich zu spät sein mehr über ihn herauszufinden?

Der Sensenmann schüttelte bedächtig mit dem Kopf. Diesmal gab es kein Erbarmen. Er schwang seine Sense über Benny und verschwand.

Der Menschenauflauf zerlief sich sehr bald und ich steckte nach einigem Zögern Bennys Urne ein. Niemand schien sich dafür zu interessieren. Ich hatte das Gefühl ihn im Stich gelassen zu haben und jetzt wollte ich wenigstens einen schönen Platz für seine Urne finden.



Ziemlich traurig fuhr ich zu meinem Briefkasten um ihn auf Post zu überprüfen. Tatsächlich fand ich einen Brief - von Benny!
Ich möchte nicht alles hier wiedergeben, was er mir schrieb, aber es war ein sehr langer und herzlicher Brief.

Benny bedankte sich bei mir für die Zeit, die er noch gewonnen hatte und die er genutzt hatte um ein paar Dinge in seinem Leben zu ordnen. Es lag eine Karte bei, mit besonderen Orten, die er mir markiert hatte. Angelplätze, Obstbäume und kleine öffentliche Gartenanlagen waren dort eingezeichnet.



Es lag außerdem ein Gutschein für eine Fährfahrt nach Sulani in dem Brief. Dieser Ort an der warmen Südküste des Landes hat mich schon immer interessiert. Aber, was sollte ich dort tun? Wie sollte ich zurück kommen, wenn ich erst einmal dort war. Oder wollte ich vielleicht gar nicht zurück kommen, wenn ich erstmal die paradiesischen Strände und das Meer gesehen hatte?

Lange grübelte ich über Bennys Brief während ich mir mein übliches Abendbrot grillte. Ich beschloss erst nach Sulani zu reisen, wenn ich etwa Geld gespart habe. Außerdem will ich all die Orte, die Benny so sorgfältig für mich auf der Karte eingezeichnet hat, besuchen.

Und einen Platz für Bennys Grab möchte ich auch noch finden...

Comments 6

  • Oh wie traurig. Aber so schön geschrieben.

  • Ach nein, nun hat es Benny doch erwischt :cry:

    Schon beeindruckend, dass Emilie so oft Zeuge eines Todes wird , das muss doch ziemlich belastend sein :(

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  • Der arme ! Hoffentlich kommt Emelie schnell über den Verlust hinweg :(

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  • Oh nein, der arme Benny! Der war doch noch gar kein Senior, oder? Schön das Emelie wenigstens eine schöne letzte Ruhestätte suchen möchte.

    • Ich war auch erstaunt, aber irgendwie hatte der Gute auch einen ganzen Tuschkasten im Gesicht, der ihn gut tarnte XD
      Tatsächlich war er ein Rentner.

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    • Och ehrlich? Hatte ich gar nicht so empfunden. Kann man nur sagen: "Gut gehalten". Was ihm am Ende leider auch nicht half.

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